Warum ich Twitter hasse und liebe zugleich

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Ich habe im Urlaub eine Online-Pause gemacht, von genau einer Nacht. Dann habe ich gemerkt, dass ich ohne Twitter nicht sein möchte.

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Ich bekomme da sowohl die geballte Ladung Tagesgeschehen als auch Neuigkeiten, Fragen, Unsicherheiten, Trauriges, Schönes, Wahres, Interessantes – von Gleichgesinnten und netten Menschen. Selbst wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt ist es fast immer sachlich und wem es nicht passt, der entfolgt halt oder blockiert im schlimmsten Fall. Die, die mir folgen, interessiert, was ich schreibe, auch wenn nur ein Bruchteil wirklich antwortet. Ich fühle mich meiner Timeline verbunden, fühle mich ernst genommen, wertgeschätzt, ihr seid wie Freunde – ich wünschte, es wäre so, dass ihr meine Freunde seid. Dass wir uns treffen können, miteinander Zeit verbringen, all das, was wir auf Twitter besprechen, in der Realität besprechen – Auge in Auge, Arm in Arm – einfach von Angesicht zu Angesicht. Aber aufgrund der Entfernung geht das nicht – und vielleicht würden wir uns noch nicht mal kennen oder erkennen, wenn wir uns wirklich begegnen. Oder vielleicht würden wir uns nicht verstehen. Wer weiß das schon? Die Mama-Bloggerin könnte doch meine Nachbarin sein, ohne dass ich es weiß – oder die Mama auf dem Spielplatz, die mit dem Handy in der Hand neben mir sitzt, während ihr Kind im Sandkasten sitzt und weint oder ungerne alleine spielt oder die Mama ruft und sie nicht mal aufschaut, weil sie so vertieft ist. Wenn ich eine solche Mama auf dem Spielplatz sehe, muss ich mich echt zusammen reißen, dass ich nichts sage – in mir brodelt es. Da bin ich echt “Anwalt des Kindes”, das mir sehr leid tut. Meistens geht allerdings meine Tochter dann zu diesem Kind, weil sie empathisch ist – und dann spielen die Beiden zusammen, mir geht das Herz auf. Dennoch bin ich innerlich wütend auf diese Mama, weil sie sich nicht kümmert sondern in ihr Handy starrt und die Welt drumherum vergisst. Aber wer weiß, warum sie das tut, was sie schreibt, ob sie gerade eine schreckliche Nachricht bekommen hat, ob das ihre einzige Auszeit des Tages ist, während sie den Rest des Tages ihr anhängliches weinendes schreiendes Kind Tag und Nacht trösten, tragen, beschützen, beruhigen und versorgen muss, weil sie vielleicht allein da steht oder das Kind niemand anders akzeptiert?

Und gestern, als ich mich mit Mo und ihren Kindern im Kindercafé getroffen habe, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Twitter ist ganz anders als Facebook. Twitter ist eine Momentaufnahme, die mehr sagt als diese 140 Zeichen. Wenn die Mama- oder Papa-Blogger online sind, dann sind sie es entweder, wenn es ihnen schlecht geht und sie Unterstützung und Hilfe und Zuspruch brauchen. Oder wenn es ihnen gut geht und die Kinder betreut sind oder alleine spielen. Das ist zumindest meine Wahrnehmung. Und da ich schon von Natur aus eher der Blaumann-Typ bin (auf diese Unterscheidung hat mich Mo gebracht) – hier findet Ihr die Erläuterung – bin ich manchmal wütend, wenn ich feststelle, dass meine handfesten Tipps und Ratschläge gegen Mauern stoßen und abprallen, wenn die Rotwein-Fraktion einfach nur Zuspruch braucht und in den Arm genommen werden möchte.

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So einfach und doch so kompliziert. Denn was, wenn gerade eine Rotwein-Reaktion gebraucht wird und ich es nicht kapiere? Oder was, wenn ich der Rotwein-Typ wäre und es werden Blaumann-Tipps gefragt? Passt nicht so richtig, stimmt´s? Die erste Reaktion auf einen scheinbaren Hilferuf-Tweet könnte sein: Was brauchst Du gerade? Dann kann derjenige sich äußern und ich kann entsprechend reagieren. Das kann man übrigens auch ganz gut auf´s Real Life übertragen und auch hier fragen, wenn man glaubt, dass jemand Hilfe braucht: Was brauchst Du gerade, nen Zuhörer oder ernst gemeinte Tipps? Das ist ja nicht so schwer. Und so kann ich eben empfängerorientiert reagieren und das geben, was wirklich gebraucht wird. So entstehen weniger Missverständnisse und Kommunikationsprobleme.

Na, was sagt Ihr? Hab ich das richtig erfasst? Geht es Euch manchmal auch so, dass Ihr ganz anders reagiert als das, was der Twitterer oder auch Gesprächspartner gerade braucht und dadurch Schwierigkeiten entstehen? Ich denke, die Missverständnisse mit Mo und auch das klärende Gespräch gestern haben mir mehr geholfen als die ganzen Kommunikationsseminare, die ich im Berufsleben bereits absolviert habe. Das schätze ich sehr und ich danke Dir von Herzen dafür. Ich freu mich auf Eure Kommentare, Erfahrungen und Berichte. 

Ergänzung vom 29.04.2016: 

Durch die Blogparade “Twitter und ich” vom Brandwatch-Blog wird das Thema noch einmal aktuell und ich finde, dass dieser Artikel sehr gut dazu passt. Die Blogparade endet morgen, aber vielleicht seid Ihr ja spontan und macht auch noch schnell mit.

Eure Renate 

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